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Augenzeugin in der jüdischen Nervenheilanstalt Sayn mitten im Nazi-Deutschland 1941 bis 1945 Regina Suderland, * 20. Februar 1926, ✝ 3. April 2011

Regina Suderland, geborene Hermanns, Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter, kam, nachdem ihr Vater seine Arbeitsstelle in Osnabrück verloren hatte, mit ihren Eltern 1941 nach Bendorf-Sayn. Ihr Vater übernahm in der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Gemütskranke die Stelle des Oberpflegers. Sie selbst arbeitete dort als Pflegehilfskraft. Nach den Deportationen 1942 blieben neben ihrem Vater Benno Hermanns noch zwei weitere jüdische Mitarbeiter, die mit „Ariern“ verheiratet waren, in Sayn zurück. Regina musste nun mit anderen Zwangsarbeitern in Bendorfer Betrieben schwerste körperliche Arbeit verrichten. Wir verdanken ihr wertvolle Hilfen bei der Aufklärung der Schicksale vieler verfolgter Menschen. Ihre Rede bei der Übergabe des Mahnmals an der Koblenz-Olper-Straße 2002 schilderte in eindrucksvoller Weise einer breiteren Öffentlichkeit das Leben in der Anstalt in den letzten beiden Jahren ihres Bestehens. In dem hier wiedergegeben Artikel der Rhein-Zeitung vom 27. Oktober 2001 wird Regina Suderland vorgestellt. Sie verstarb am 3. April 2011 in Koblenz.

Die Stadt Bendorf ist dieser letzten Augenzeugin, die bewusst ihre Gedenkarbeit in den Dienst der Verständigung und der Versöhnung gestellt hat, zu großem Dank verpflichtet. Ihrem Wunsche gemäß wurde sie, obwohl sie in Koblenz wohnte, auf dem Friedhof in Sayn beigesetzt. Sie betonte oft, dass sie hier auch in leidvoller Zeit Menschen traf, die ihr halfen und denen sie über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden blieb.

Beitrag aus der Koblenzer „Rhein-Zeitung“ vom 27. Oktober 2001 unter der Überschrift „Insel im Irrsinn“ Verfasserin Kerstin Stiefel

Sie kam 1941 mit ihrer Familie. Ein junges Ding, voller Neugierde auf die Welt. Eher aus Verlegenheit wurde Regina Suderland Hilfsschwester in der damaligen Nervenklinik in Bendorf-Sayn. Eine vergessene Enklave der Humanität für jüdische Geisteskranke – mitten im wahnsinnigen Nazi-Deutschland. Anfangs fürchtet sie sich ein wenig vor den entrückt wirkenden Männern und Frauen, die in den Fluren oder im Park ihre stillen Kreise ziehen. Der Vater, Oberpfleger Benno Hermanns, macht der angehenden Hilfsschwester Mut: „Tu einfach so, als seien sie ganz normal.“ 

60 Jahre ist das jetzt her. Wenn Regina Suderland die Augen schließt, sieht sie die Szene vor sich, als wäre sie gestern passiert. Klein und zierlich steht die heute 75-Jährige im bunt verglasten Wintergarten der ehemaligen „Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten“ und blättert in den Bildern ihrer Erinnerung „Es gibt Zeiten“, sagt sie, „da ist eine Menge Irrsinn ganz normal.“ Normal ist es im nationalsozialistischen Deutschland zum Beispiel, dass plötzlich alle noch lebenden jüdischen Geisteskranken nach Bendorf-Sayn in die […] [jüdische] Nervenklinik verlegt werden. Normal ist auch, dass sie dort von Juden betreut werden dürfen und dass die Gestapo ihnen erst Geld und Schmuck, später auch Kleider und Möbel abnimmt. Und irgendwann ist es auch normal, dass Patienten samt Pfleger zum Bahnhof gebracht, in einen Zug gepfercht und nach Polen deportiert werden. Von den 850 Menschen, die in der Anstalt gelebt und gearbeitet  haben, gehört Regina Suderland zu den wenigen Überlebenden. Die Gebäude gehören heute der Josefs-Gesellschaft, einem katholischen Träger für Sozialarbeit, und werden jetzt für Arbeit, Beschäftigung und Wohnen von Menschen mit Behinderungen genutzt. 

Bevor die „Endlösung“ seine Patienten erreicht, versucht Chefarzt Wilhelm Rosenau, ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Tatsächlich spazieren die „Friedlichen", die sich frei bewegen dürfen, unbeschwert zwischen Billard-Salon, Musikzimmer und Synagogenraum herum. Sogar koschere Kost gibt es. Zur Straße hin ist der Park diskret, aber sicher durch Mauern und ein schweres schmiedeeisernes Tor gesichert. Eine Enklave der Geborgenheit mitten im Krieg. „Das war das oberste Gebot“, erinnert sich Regina Suderland, „die Patienten sollten nicht wissen, was draußen passiert.“ 

Einer der „Friedlichen“ ist Hans Davidsohn. Regina Suderland sieht den klein gewachsenen Mann, den ihr Vater nur „den Dichter“ nennt, gelegentlich im Park. „Er ging auf dem Rasen herum, und dann redete er immer so in die Erde hinein.“ Die Ärzte vermuten, dass er sich mit Gestalten aus der Unterwelt unterhält. Später liest Regina Suderland, dass der Kranke mit Käfern sprach. „Die hat er sehr verehrt.“ Hans Davidsohns Familie emigrierte 1933 nach Israel. Seine Neffen und Nichten haben die Gedichte, die er unter dem Namen Jakob van Hoddis publizierte, nie gelesen. Die Sprache seiner Gedichte war auch die Sprache seiner Mörder. 

Regina Suderlands Vater ist Jude. Anders als viele andere Osnabrücker Juden flieht er nicht ins Exil, sondern zieht 1941 mit seiner Familie nach Bendorf-Sayn, um in der Nervenklinik als Oberpfleger zu arbeiten. Seine Frau, eine so genannte Arierin, hofft, ihn und die Tochter Regina durch ihre nichtjüdische Herkunft zu retten. Regina Suderland fängt als Hilfsschwester in der Anstalt an, weil draußen kein Arier eine Halbjüdin einstellen will. Die 15-Jährige gewöhnt sich allmählich an „viele Wunderlichkeiten“. Nur die Schreie der eingesperrten Schwerstgestörten verfolgen sie bis in den Schlaf. Tag für Tag muss sie an einer ummauerten Unterkunft für Männer vorbei. Ihre verzweifelten Rufe schneiden der jungen Frau „mitten ins Herz“. Der Vater warnt sie davor, den Patienten zu nahe zu kommen. Was die Männer bei ihrem Anblick so wild macht, sagt er ihr allerdings nicht. „Aber ich wusste es auch so“, sagt sie heute. 

Die Stimmung unter den jüdischen Ärzten, Schwestern und Pflegern schwankt zwischen Angst und verzweifelter Lebenslust. Viele ahnen, was sie erwartet, andere klammem sich an die Hoffnung, „nur“ ins Arbeitslager gesteckt zu werden. „Die Frauen ließen sich Geld in den BH nähen“, erinnert sich Regina Suderland. Weil sie als [so genannte] Halbjüdin das Anstaltsgelände verlassen darf, bringt sie heimlich Pelzmäntel von Patienten nach Köln, um sie als Futter in gewöhnliche Mäntel einnähen zu lassen — „damit die was Warmes haben, wenn sie deportiert werden.“ Ein Pfleger wählt mit seiner Freundin den Freitod, als er erfährt, was in Polen tatsächlich mit den Juden geschieht: „Uns kriegen die nicht“, sagt er noch zu Regina Suderland. Das Liebespaar nimmt Morphium. 

„Wir haben immer gehofft, es würde einmal jemand kommen und sich an Ort und Stelle ein Bild machen von dem, was hier vor sich ging. Wir haben aber eingesehen, dass unser Leiden und das unserer Schützlinge nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem Riesenleid ist“, schreibt Chefarzt Wilhelm Rosenau nach Kriegsende. Er und Benno Hermanns müssen die Transportlisten für die Deportationen zusammenstellen. Regina Suderlands Vater leidet sehr darunter. Mehrmals sieht ihn die Tochter weinend in der Küche sitzen. Er war 1938 im KZ Oranienburg als Zwangsarbeiter beim Bau von Krematorien dabei und macht sich keine Illusionen. „Irgendwann“, sagt er zu seiner Familie, „sind auch wir dran.“ 

Regina Suderland sucht und findet eine Aufgabe in der Anstalt: ein körperlich und geistig behindertes Mädchen, das mutterseelenallein in einer kahlen Kammer vor sich hindämmert. „Das Kind rollte auf einer abwaschbaren Matratze herum, sprach nicht, aber hörte zu.“ Wenn es gewaschen und gefüttert wurde, lächelte das Mädchen dankbar. 

Regina Suderland überlebte. Als kein Mensch mehr die Anstalt bewohnt, als sämtliche Patienten und das Personal „ausgewandert“ sind, wie es in einem Protokoll der Gestapo Koblenz heißt, lebt die junge Frau mit ihrer und der Familie des Chefarztes Wilhelm Rosenau weiter … [auf dem Gelände] 

Die Betten [der Anstalt] müssen immer frisch bezogen sein für den Fall, dass das Koblenzer Krankenhaus Kemperhof durch Bomben zerstört wird. Der von den Nationalsozialisten eingesetzte Betriebsleiter heißt Paul Kochanek. Regina Suderland nennt ihn gern „unseren kleinen Oskar Schindler“. Kochanek schreit auf der Straße besonders laut „Heil Hitler“, doch als die Klinik zum Ausweichquartier für kranke „Arier“ wird, rettet er Benno Hermanns und Wilhelm Rosenau das Leben. Er brauche die beiden Juden, um das Gebäude in Schuss zu halten, erklärt er der Gestapo. So geistern Chefarzt und Oberpfleger bis Kriegsende als Wächter über die verwaisten Flure. 

All das ist lange her. Wenn Regina Suderland die Augen schließt, sind die Bilder aber wieder da. Die 75-Jährige lebt in Koblenz. Sie hat nach dem Krieg in der Krankenpflege gearbeitet und eigene Kinder großgezogen. Ihre Mutter starb 1946 nach einer Operation, der Vater sollte sich von diesem Schock nie mehr erholen. In ihren Träumen sieht ihn die Tochter mit wehenden Rockschößen und eiligen Trippelschritten durch die „Israelitische Hell- und Pflegeanstalt“ eilen. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch öffentlich in der eigenen Vergangenheit zu stochern – davor hat sich Regina Suderland lange gescheut. Jetzt tut sie es doch: „Ich muss einfach. Es gibt ja nicht mehr viele, die es noch können.“ Von Kerstin Stiefel Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der „Rhein-Zeitung“, in deren Gesamtausgabe vom 2001 der Artikel erschienen ist. (Ergänzungen und Aktualisierungen wurden mit eckigen Klammern gekennzeichnet; offensichtliche Fehler sind stillschweigend korrigiert worden.) 

 

 

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